Hierarchie

Diesmal werde ich euch einen Einblick in die Strukturen des Spitals geben.
Aus dem Grundregelwerk ist ja bereits bekannt, dass es Rekruten, Pfleger und Famulanten gibt. Die ersten beiden sind nichts weiter als Handlanger, die im Appendix bis zum Umfallen schuften. Famulanten haben das hinter sich gebracht und dürfen mit dem Studium der Medizin beginnen. Auf der anderen Seite erwähnen wir, dass Famulanten als Fußtruppen eingesetzt werden. Wie ist das zu vereinbaren?

Die Uhr läuft
Eine Karteikarte: Grobes Papier, aschgrau mit feinen grünen Linien, die wie mit dem Skalpell gezogen scheinen. Mit schwarzer Tinte wurde in der ersten Zeile ein Name aufgemalt, fein säuberlich in Blockschrift. Darunter sind weniger ordentlich Kursnamen (Schriftsprache, Hygienikbestimmungen, Triage, etc.) aufgelistet, alle mit hingeschmissenen Unterschriften gegengezeichnet. Fingerabdrücke, der obere Rand ausgefranst, an einer Stelle eingerissen und mit einem Stück Papier und Leim geklebt, Wasserflecken - dieses Dokument ist alt, und es ist die gelebte Geschichte eines jungen Arztes. Es kündet von der Zeit im Dreck des Appendix, verrät Krankheiten seines Schützlings, deutet auf Fehler hin, vergisst aber auch nicht seine Fähigkeiten aufzulisten.
Am Tag der Famulantenweihe wandert dieses Dokument in die Registratur, zusammen mit den Karteikarten Dutzender anderer Famulanten. Sie werden nicht alphabetisch sortiert, Neuzugänge werden hinten eingefügt. Jetzt läuft die Uhr. Eine Hundertschaft für die Verteidigung Danzigs? Konsultantin Fouquet nimmt sich von vorne einen dicken Stapel Karten und reicht sie dem Registrar - "erteilen Sie ihnen den Marschbefehl". Unser junger Arzt ist plötzlich 100 Plätze nach vorne gerückt.
Manche wollen es nicht anders: Sie studieren und warten auf ihre Einberufung. Warten auf Menschen, die wissen und sagen, wohin es geht und was ein Famulant zu erledigen hat.
Der andere Typ Famulant muss sich beeilen. Er geht in die Seziersäle der Chirurgen, bietet sich an, die Fermenter auszuspritzen, hilft an den Hygieniker-Schleusen, säubert Operationsbesteck. Alles einfache Arbeiten, aber er zeigt Interesse und Initiative - und macht sich so bemerkbar. Sein Ziel: Dass ein Spitalier einer Fachschaft seine Karteikarte aus der Registratur anfordert. Die Uhr wird angehalten, mit einer Zwangseinberufung ist nicht mehr zu rechnen, und es beginnt ein neues Leben in den Hallen der Chirurgen, Epigenetiker, Pharmazeutiker, Hygieniker, Anästhesisten, Hippokraten oder der Allgemeinärzte.
Noch ist der Famulant nur ein Anhängsel der Fachschaft. Jahre später wird er vor dem Obmann der Fachschaft seinen Wert beweisen: Die geglückte Abschlussprüfung festigt seine Position und er darf von jetzt an den Titel seiner Fachschaft tragen.

Okay, ihr seht also: Wer als Famulant den Arsch nicht hochbekommt, wird zugeteilt. Das kann einen nach Danzig oder nach Purgare verschlagen. Aber direkt ins Geschehen involviert lernt es sich nicht unbedingt schlechter als im Spital. Nur ist dein Weg vorgezeichnet: Du wirst nach Jahren des Außeneinsatzes eine Notprüfung in dem Fachgebiet ablegen, dem dein Trupp zugeordnet ist, ohne Wahlmöglichkeiten.
Schauen wir, wie es danach weitergeht mit der Karriere eines Spitaliers.

Die Sprossen der Karriereleiter liegen ab jetzt weit auseinander und sind dünn und brüchig. An der Spitze jeder Fachschaft steht der Obmann (der durchaus auch eine Frau ist), der Aufgaben und Zuständigkeiten verteilt. Über ihm kommen nur die Konsultanten - sie prägen die Ideologie der Ärzteschaft und geben die Ziele vor.
Der Registrar ist das Sprachrohr der Konsultanten; er leitet Befehle an die Fachschaften weiter und wird den Platz des nächsten scheidenden Konsultanten besetzen - sofern er so lange durchhält.
Nach 60 Jahren harter Arbeit im Dienste des Spitals erhalten Spitalier den Titel Altvorderer zugesprochen; ein Kniefall vor dem Alter. Pflichten können an Stellvertreter übertragen werden, man trifft sich, diskutiert. Kritik an den Konsultanten wird nur aus diesen Reihen geduldet.
Zuletzt die Preservisten: Sie stehen außerhalb der Hierarchie. Wer durch extreme Geisteshaltung oder Handlungen aus der Masse sticht (oder besser: sich in ihr disqualifiziert), kann von Obmann Kranzler persönlich nach Arnsberg berufen werden. Dort beginnt ein jahrelanges Training, in dessen Verlauf der Geist des Aspiranten in Stücke geschlagen und zu einem Mosaik in Kranzlers Sinne neu zusammengefügt wird. Die Aufgaben der Preservisten? Spital und Menschheit zu verteidigen - und Aufgaben zu übernehmen, die durchzuführen dem gewöhnlichen Chirurgen den Schlaf rauben würden.

Das wär's für heute. Vielleicht nehme ich mir nächste Woche eine der Sektionen/Fachschaften vor.