Konsultant Holtz

Wer von euch den Quellenband Justitian gelesen hat, wird bemerkt haben, dass ich der Welt vor allem durch Charaktere Leben einzuhauchen versuche. Ähnlich (nur nicht in diesem Umfang) läuft das in den Feldberichten: Psychonauten, und das selbe Konzept nutze ich auch für das Spitalier-Kultbuch.

Am Anfang der Entwicklung des Buchs stehen die acht Konsultanten: Sie bestimmen mit ihren Ansichten und Abneigungen die Ideologie und die Ziele des Spitals. Heute möchte ich Dr. Holtz vorstellen, der einen Gastauftritt in den Feldberichten haben wird und dem im Spitalier-Kultbuch eine tragende Rolle zukommt:


FG Epigenetik: Dr. Holtz (Pharmazeutiker)

Dr. Holtz hat die Epigenetik begründet: Er sichtete die urvölkischen Schriften über Histone und entwickelte die Technik, diese Proteine zu isolieren, auszulesen und ihnen Bedeutung beizumessen; er bildete einen Kader fähiger Ärzte aus, der sein Wissen zu Lehrbüchern verarbeitete. Er hielt sich mit alldem nicht lange auf, dozierte mit seiner ihm eigenen Ungeduld, zerschnitt mit fahrigen Bewegungen Gewebeproben, deutete auf Verwachsungen und wies auf statistische Erhebungen zur Histon-Abweichung hin, drehte sich dann um und verschwand wieder in seinen Laboren. Seinen Ausführungen zu folgen glich einem Orientierungslauf im Technikcentrum mit verbundenen Augen. Zurück blieben hochkonzentrierte, aber verwirrte Anwärter. Sein Kader würde sich ihrer annehmen.

Dr. Holtz geht auf die 60 zu, und er spürt es in den Knochen. Die Zeit wird ihm knapp, und es ist noch so viel zu tun. Aber es ist nicht das Alter alleine, das ihn ungehalten werden lässt bei jeder Ablenkung. Schon seit jeher prescht er voran, blättert ungeduldig durch medizinische Literatur, um sie entnervt dort abzuwerfen, wo er steht. Zu viel Redundanz! Mit langen Schritten durchmisst er die Hallen, und will ihn ein Kollege ansprechen, dann nur jetzt und wenn er Schritt halten kann. Befehle spricht er in den Raum hinein und geht davon aus, dass ein Mitglied seines Kaders ihn aufschnappt und prompt ausführt. Diskussion unerwünscht. Holtz nennt niemanden beim Namen - und er drückt damit genau das aus, was alle wissen und keiner auszusprechen wagt: Sie alle sind austauschbar.

Tatsächlich arbeiten die Mitglieder der ganzen Fakultät ihm nur zu. Aus hingekritzelten Notizen erwachsen wissenschaftliche Arbeiten, die Holtz durchblättert, knapp kommentiert, um dann einen Blick durchs Mikroskop auf einen vorbereiteten Gewebeschnitt zu werfen. In Petrischalen wuchern Mollusken-Fasern neben der zukünftigen Allzweckwaffe gegen Biokineten und Grippe-Viren. Fleisch wird in Kolben zersetzt, Fett abgeseiht. Hunderte Versuchsanordnungen müssen am Laufen gehalten, andere wieder zerlegt und gesäubert werden. Holtz ist die kalte blaue Sonne in seinem kleinen Universum, und die Mitglieder seines Kader seine eisigen Planeten. Wer aus der Kältestarre entkommen will, muss selbst für Wärme sorgen. Eigeninitiative. Genialität. "Beeindrucken Sie mich, Doktor" und einen kurzen amüsierten Blick sind das Beste, was man von Holtz bekommen kann. Seinen Zynismus lernen nur die kennen, an denen er nicht vorbeikommt: Die anderen Konsulanten.

Eine unglaubliche Zeitverschwendung, diese ewigen Absprachen! Wie weit wäre das Spital schon, wenn diese alten selbstgefälligen Säcke ihre Ärsche bewegen würden statt in gepolsterten Sesseln über Ressourcenverteilungen zu schwadronieren und dabei Gläser mit gekühltem Wasser an ihre zitternden Lippen zu führen. Chesnik sabbert wieder und tastet mit seiner für den Mund zu fleischigen Zunge nach dem Rinnsal, wischt den Rest mit dem Handrücken ab (die Zunge kriecht zurück in ihre Schleimhöhle). Dann macht er auch noch einen Scherz. Holtz hört nicht hin und blickt weg, seine Gesichtszüge sacken ab und hängen wie aufgeweichter Schwamm an den Schädelknochen, sein Mund ist ein klaffendes Rechteck. Von der Seite kommt Gelächter, wird durchbrochen von Hustenanfällen. Holtz muss hier raus. Jede Minute, die er im Konsulanten-Gremium festsitzt und sinnleere Phrasen ihn umschwirren wie Schmeißfliegen, kostet einem Spitalier das Leben.

Eine Viertelstunde, nicht länger, dann steht er auf. Das Wichtigste ist gesagt, bei drei Abstimmungen hat er seine Hand gehoben, bei einer nicht (es macht ohnehin keinen Unterschied), trinkt einen Schluck Wasser (er wird später nicht mehr dazu kommen), klopft auf das Pult (Gesten vermitteln angeblich einen Hauch von sozialer Interaktion - das einzige Eingeständnis, zu dem er bereit ist), und eilt zurück ins Labor.

Das hindert ihn nicht daran, in den fünfzehn Minuten seiner Anwesenheit das Vorgehen der anderen Konsultanten zu kritisieren und sie wünschen zu lassen, er wäre erst gar nicht erschienen. Chesnik betitelt er als Spitalier alten Schlags, was dieser früher als Kompliment missverstanden hat. Heute lächelt Chesnik gallig, wenn Holtz ihn als Auslaufmodell bezeichnet und darlegt, dass die Forschungsgruppe Pheromantik nichts als überflüssiger Ballast ist: Die Epigenetik ist die Antwort auf alle psychonautenbezogenen Fragen und die Pheromantik lediglich eine Untergruppe. Die meisten auf diesem Feld erworbenen Erkenntnisse sind schon jetzt auf epigenetische Ursachen zurückzuführen. Das sind die Momente, in denen Holtz sich zurücklehnt und lächelt. Ähnlich hält er es mit Dr. Janssen und ihrer Forschungsgruppe Primer, nur dass die Alte schlagfertiger ist als Chesnik. An Dr. Fouquet und ihrer Forschungsgruppe Homo Degenesis hat er nichts auszusetzen - sie erforscht die Interaktion der Absonderlichen untereinander, wie sie denken, fühlen und vorgehen. Das ist wichtig, bis die Epigenetik die Brut zerstört. Außerdem setzt Fouquet Chesnik zu, und das macht sie Holtz sympathisch. Petrova, Szinkowitz, Grunow, Woyth? Ihre Arbeit hat schon ihre Berechtigung (Holtz lässt sich die neusten Erkenntnisse von seinem Kader zusammenfassen), aber sie alle zusammen erarbeiten weniger Resultate als er. Denkt er, sagt er.

Kritik an ihm? Ja, hat er gehört. Seine Forschungsgruppe sei inzwischen mehr eine allgemeine Ausbildung und rechtfertige keine parallel laufende Forschungsgruppe. Holtz hält mit seinen Forschungsergebnissen dagegen - und mit hunderten Bewerbungen. Er führt die Beliebtheit seiner Forschungsgruppe ins Feld, ohne dass es ihm selbst etwas bedeutet. Zurück ins Labor!