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Klaus Scherwinski: Die Geschichte der vergessenen Skizze [II]
Peng, und wieder ist ein halbes Jahr um, das geht schnell bei einem DEGENESIS-Buch, besonders wenn man, wie ich, nur in seiner ‚Freizeit' daran arbeiten kann. Heute bringen wir die Geschichte der vergessenen Skizze zu ihrem Abschluss, denn die Illustration ist fertig. Was jetzt ‚fertig' genau heißt, ist dabei schwer zu erklären. "Ein Bild ist niemals fertig. Es hört lediglich an interessanten Stellen auf" ist ein schönes Zitat, das ich hier anführen möchte.
Gerade bei DEGENESIS haben Illustrationen oft auch die Funktion, die Gedanken anzuregen, als bloß bildlich eine fiktive Welt wiederzugeben und bis ins Kleinste zu beschreiben. Während wir bei Charakterkopf-Illustrationen einen hohen Realismus anstreben, haben wir bereits im Grundregelwerk begonnen einige Zeichnungen sozusagen ‚auslaufen' zu lassen, so auch hier. Dies ist nicht auf die Faulheit des Zeichners zurückzuführen, sondern auf die Erfahrung, dass etwas grafisch Interessantes oft länger im Kopf bleibt als Fertiges - dazu zählen auch freie amorphe oder geometrische Formen. Das Flüchtige einer Skizze trägt bei DEGENESIS oft zur Atmosphäre bei, denn es zählt nicht nur WAS abgebildet ist, sondern auch WIE. Dies ist ein bedeutender Grund, warum Marko Djurdjevic gerade diesen Bleistiftstil als unser Aushängeschild etablierte. Die offenen Strukturen z.B., wie der weiße Schulterschutz des Wiedertäufers links, zieht den Blick auf sich, obwohl "gar nichts" abgebildet ist innerhalb der Form. Das "Nicht-zu-Ende-zeichnen" des Spreizers im Schoß des Spitaliers lässt mehr Tiefe entstehen. Eine dunkle Schraffur auf der Spitze hätte sonst vom Gesicht des Spitaliers abgelenkt und mit der Hand des Wiedertäufers davor zu stark um die Aufmerksamkeit gewetteifert. Diese Betrachtungsweise geht dabei über normale künstlerische Fertigkeiten heraus, wie Posing, Perspektive und Anatomie - diese werden bei Sighpress einfach als Selbstverständlichkeit angesehen.
Vieles ändert sich in der Evolution einer Zeichnung, auch Details. Während die Wiedertäufer in der Skizze noch aussahen wie eineiige Zwillinge, machen sich jetzt mehr Unterschiede breit, die von der Gestik nur unterstrichen werden. Der Mund des Linken öffnete sich mehr, während der Kopf des Vorderen unter einer Kapuze verschwand. Man sollte stets Variation zeigen, das versuche ich in meinen jährlichen Zeichenkursen immer an die Kursteilnehmer weiterzugeben. Wenn in einem Bild zwei Leute dieselbe Pose haben und Tuch identisch fällt an den Ärmeln, verliert eine Illustration an Realismus. Daher variierte ich mehr bei Rüstungsteilen und Kleidung und schon werden aus Archetypen Individuen. Letztlich entschied ich mich in Absprache mit Christian Günther, die Karte um die die Vier saßen, wegzunehmen und gegen etwas Interessanteres auszutauschen. In diesem Fall entschieden wir uns für von den Spitaliern präparierte Insekten in verglasten Holzkästen. Während man sich vorher über den besten Weg nach Justitian unterhielt, würde nun ein Spitalier mit den Wiedertäufern eine Lehrstunde abhalten - inhaltlich eine viel weitreichendere Message. Gerade auf Inhalt kommt es bei DEGENESIS immer an.
Der Rest ist das Befolgen quasi einfacher Rezepte, die eine gute Illustration noch besser machen. Je mehr Hände im Spiel sind, je mehr Interaktion es zwischen den Dargestellten gibt, je mehr man die Schwerkraft wirken lässt, umso überzeugender wirkt das gezeigte Material. Stehen Haare ab oder fallen sie ins Gesicht, hängt ein Gürtel durch, weil schwere Taschen daran befestigt sind, schmiegt sich ein Körper an einen Gegenstand oder ruht er einfach nur daneben? Entscheidende Faktoren, die das Bild zu einer Erfahrung, statt zu einer simplen Aufzählung von Personen und Ausrüstungsteilen.
Viel Spaß bei den Illustrationen im Kultbuch: Spitalier!
"A painting is never finished - it simply stops in interesting places." (Paul Gardner)
"A painting is never finished, only abandoned." (Pablo Picasso)
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