Christian Günther: Das Spital

Willkommen im Spital! Unten findet ihr einen kleinen beschreibenden Text zur Architektur des Baus, und abschließend die Illustration von Tobias Mannewitz (klickt auf das Bild für eine größere Darstellung). Ah, und Ehre wem Ehre gebührt: Der Text ist größtenteils auch von Tobi.

In frühen Tagen thronte das Spital im Zentrum eines medizinischen Komplexes. Inmitten eines Parks in den Randbezirken der Stadt gelegen, muss das Gebäude seinerzeit wie ein gelandetes Raumschiff gewirkt haben: Fließende Lichtinstallationen glitten über die Fassade und verwandelten den im Stil des Brutalismus' errichteten Bau in ein ätherisches Kunstwerk. Ein eigenes Kraftwerk und hoch in den Himmel weisende Tanktürme kontrastrierten reizvoll mit der baumreichen Umgebung und dem riesigen, horizontalen Gebäuderiegel, der heute das Spital ausmacht.

Doch diese Tage sind längst vergangen. Rost frisst sich durch das Tragwerk, wird von Regen und Schmelzwasser ausgewaschen und hinterlässt braunrote Spuren auf der Außenhülle. Die einst strahlend weiß lackierte Gebäudefront büßte schon an vielen Stellen seine Verkleidung ein; die Blechfronten wurden vom Wind abgerissen und schlugen im Appendix auf. Das Spital hat jede früher vorhandene Eleganz verloren, und seine aggressive Beton- und Stahlkonstruktion tritt nun mit unverhüllter Heftigkeit zu Tage. Wie ein urtümlicher Monolith lastet das Spitalierhauptquartier nun inmitten der Anlage - eine graubraune, dräuende Masse, eine klobige Akropolis, hier und da von einem weithin sichtbaren Spitalierkreuz gekennzeichnet. Die Fensterbänder, längst blind geworden, starren matt in die Ferne, nachts dringt das kränklich-grüne Licht der innen liegenden Korridore nach draußen. Die von Stockwerk zu Stockwerk weiter überkragenden Geschosse werfen Schatten auf die darunter liegenden Etagen und sorgen dafür, dass das Innere des Spitals auch bei strahlendem Sonnenschein nie wirklich freundlich und hell wirkt, auch wenn hier und dort Lichthöfe und Einschnitte im Gebäude tapfer versuchen, mehr Tageslicht hinein zu leiten. Die Ärzte sind auf künstliche Beleuchtung angewiesen.

Das Ziggurath, ein noch in voreshatologischer Zeit hinzugefügter Anbau, gehört äußerlich zu den hässlichsten Teilen des Gebäudes. Hier weichen die Geschosse immer weiter zurück und geben ein mit jedem Stockwerk zunehmendes Geflecht aus Leitungen und Rohren frei, das den Trakt wie ein Netz umschlungen hält. Selbst die Konsultanten nennen ihn häufiger bei seinem wenig schmeichelhaften Spitznamen "Ulcus", was soviel bedeutet wie Geschwür. Wenigstens gehören die im Inneren des Zigguraths liegenden Räumlichkeiten zu den angenehmsten des gesamten Spitals.

Um den Hauptbau scharen sich Neben- und Hilfsgebäude, Werkstätten, Schmieden, Übungshallen, Gewächshäuser und alte Garagen.