Der richtige Weg

Die Feldberichte waren in mancherlei Hinsicht ein Testballon. Zum einen wollte ich den Lesern meine Sicht von Rollenspiel nahe bringen: Viel Story, wenig konkrete "Das ist so und so"-Abschnitte, damit jeder sich in seiner Fantasie sein eigenes Degenesis erschaffen kann. Auf der anderen Seite waren einige mehr oder minder wissenschaftliche Abschnitte dabei, zum Beispiel über die Funktionsweise des Primers (Histonmodifikationen) oder über die Pheromone. Ich weiß, warum ich solche Abschnitte mag: Sie untermauern, dass Degenesis mit seinem mystischen Anteil nicht einfach einen weiteren Aufguss der üblichen Psi-Brühe bringt, und es lässt die Hintergrundgeschichte realer erscheinen - was gerade für einer Welt wichtig ist, welche eine Weiterentwicklung (oder Rückentwicklung, wie man will) unserer Welt ist. Außerdem, und das empfinde ich als den wichtigsten Punkt, kann der Leser mittels der angeführten Informationen und biologischem und chemischem Wissen weitere Schlüsse ziehen.

Es gibt da einen Haufen Fragen: Wie soll denn Plastik 500 Jahre überstehen, ohne zu Kunstoffbröseln zu zerfallen? Wer stellt wie Neopren her? Und Schießpulver? Das geht doch alles nicht. Oder? Es reizt mich einfach, diese Fragen zu beantworten, aber wo ist die Grenze zu ziehen zwischen Vorlesungsskript und Rollenspiel?

In Justitian habe ich mir einen Charakter geschnappt und ihn durch die Papierfabrik geschickt, damit er sich die einzelnen Arbeitsschritte anschaut. Das war wichtig, weil Papier für Justitian wichtig ist. In den Feldberichten erhält der Leser Einblick in die Forschungsergebnisse der Spitalier über Primer und Psychonauten, weil es das ist, was die Spitalier beschäftigt, also für sie wichtig ist. Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse oder Produktionsschritte sind aber so wichtig, dass sie in das Kultbuch müssen?

Viele Leser möchten beispielsweise wissen, woher das Neopren kommt - denn die in den Klawen gefertigten Anzüge sind minderwertig. Andere wüssten gerne, wie die Spitalier ihre Medikamente herstellen oder wo sie die urvölkischen Bestände (sind die nicht längst vergammelt?) lagern.

Mal zum Neopren: Das Zeug besteht aus polymerisiertem Chloropren, und was das bedeutet, ist nicht mal eben in einem kurzen Abschnitt erklärt. Tatsächlich ist der wissenschaftliche Hintergrund unglaublich spannend - für Laboranten und Leute, die im Chemieunterricht nicht den längsten und lustigsten Satz der Welt basteln oder Käsekästchen spielen. Für alle anderen ist er erbarmungslos langweilig.

Die Spitalier mussten sich jetzt in den letzten Jahrhunderten nicht um Chloropren kümmern, denn die Neoprenlappen, aus denen sie die Anzüge schneiden, wurden außerhalb des Spitals in einer urvölkischen Anlage hergestellt. Dazu wurde ein dort eingelagertes Granulat aufgekocht und ausgewalzt. Es schien so, als ob die Anlage darauf eingerichtet war, mit minimalem Wissen ihrer Betreiber und geringem Aufwand große Mengen Neopren herzustellen. Im Buch erfahrt ihr mehr über die Anlage.

Alle Aufzeichnungen, wie das Neopren hergestellt wird, sind dort zwar vorhanden, aber nicht nötig, da alle wichtigen Chemikalien im Granulat gebunden sind. Ich mache es mir zu leicht? Nicht ganz. Denn dass die Spitalier in den Klawen eine zweite Fertigungsstätte aufgebaut haben, deutet bereits darauf hin, dass die Produktion in der ursprünglichen Anlage ausläuft und nach Alternativen gesucht wird. Hier muss jetzt Ethin hergestellt werden (zusammen mit Salzsäure ergibt sich das Chloropren), hier muss alles aufgebaut werden, was den Spitaliern bislang erspart geblieben ist.

Oder die Medikamente: Wenn ihr das Diary verfolgt, werdet ihr bereits von den Fermentern gelesen haben. In ihnen werden Bakterienkulturen herangezüchtet, die später zu Antibiotika verarbeitet werden. Da in der Bakteriensuppe stets ein konstanter pH-Wert vorherrschen muss, wird dieser ständig überprüft und eventuell mit Säuren oder Basen reguliert. Dazu werdet ihr einen kurzen knackigen Absatz im Buch finden, der die Fermenter-Technik und ihre Probleme kurz umreißt. Oder nehmen wir einmal Aspirin - und legen es schnell wieder weg, wenn wir uns anschauen, wie komplex die synthetische Herstellung ist. Das Spital unterhält einige Gewächshäuser, in denen diverse Pilze und Pflanzen (unter anderem die Spirstaude, aus der auch Salicylsäure, der Grundstoff von Aspirin, gewonnen werden kann) herangezüchtet werden. Und damit sind wir zurück beim Ausgangsproblem: Wie genau muss es sein? Oder lenkt das alles letztlich zu sehr vom Spiel ab?

Für die erste Fassung des Kultbuchs hatte ich lange Listen mit Rohstoffen aufgestellt, mit Zusatzinfos, wie sie wo abgebaut oder hergestellt werden. Diese Aufstellung war nur für mich, um zu überprüfen, ob all das, was die Spits leisten, auch wirklich durchführbar und plausibel ist. Es ist. Kann ich ja jetzt leicht sagen. ;)Dann habe ich die Datei gekillt und erstmal eine Story geschrieben, in der eine nette junge Dame mit zwei Zöpfen und einem mechanischem Bein, die ihr bereits aus dem GRW kennt, ihren ersten Auftritt hat. Das hat gutgetan. :)

Ich denke einfach, dass eine gewisse Abstraktion nicht schadet, dass Story und Stimmung im Vordergrund stehen.

Aber was meint ihr: Wie weit soll so etwas gehen? Interessiert euch das oder sagt ihr euch: Das brauchen wir nicht fürs Spiel?