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Klaus Scherwinski, 12.12.03
Prelude to Tech'
Es war auf der Leipziger Buchmesse 2003 als ich Christian Günther wieder traf und ihm zusicherte ich würde mich definitiv an Degenesis illustratorisch beteiligen. Sogleich holte er die ersten Archetypenskizzen von Marko Djurdjevic hervor, die dieser wohl ein paar Tage vorher in Berlin erstellt hatte. Ich war beeindruckt. Business as usual. Doch auch da wusste ich noch nicht was wirklich auf mich zukam. Anfang April schon sollte ich bei etwas wirklich Neuem dabei sein und wieder das tun was ich am besten konnte: Tech' zeichnen. Damit kommen wir auch schon zu dem eigentlichen Punkt dieser Kolumne, bevor ich abschweife, was gern öfter mal vorkommt, vor allem bei meinem normalerweise recht hohen Sprechtempo…
Objective: Buggydesign
An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Einblick geben wie der Geisslerbuggy für das Degenesis Grundregelwerk entstand. Häufig, wenn ich nicht eine E-mail ans Degenesis Team schreibe die mit "Wäre es nicht cool…?" beginnt, erhalte ich eine Beschreibung von Artdirector Marko Djurdjevic, beim Buggy war es Teamwork. Ein Ausschnitt aus einem Text lautete:
"Die Geißler jagen im Verbund und einigen sich auf eine grobe Einteilung in Hetzer und Greifer. Erstere rasen mit aufheulenden Motoren in das Dorf und schrecken ihre Opfer auf. Stürmen diese in Panik nach draußen, warten dort die Greifer mit Netzen und [Geißler-Peitschen]."
Am Telefon klärten wir in der Folgezeit die Liste für den Almanach an Ausrüstung, Waffen und Fahrzeugen ab. Von Anfang an stand fest dass die Geissler ein schnelles, wendiges Einsatzfahrzeug brauchten. Für das Hauptregelwerk konnten wir platzmäßig nicht jedem Kult ein eigenes 4-Rad-Fahrzeug geben, wir brauchten also etwas Repräsentatives.
Die Geschichte des Buggys begann allerdings schon viel früher, vor über zwei Jahren. Marko und ich arbeiteten an einem anderen Endzeit-Projekt, das Grundregelwerk war schon auf den Markt gebracht, also machten wir uns daran den ersten Erweiterungsband zu bebildern. Eine meiner ersten Illustrationen davon war die Buggybeladeszene 1) welche mir, als ich von Degenesis hörte, sofort wieder in den Kopf kam. Diese Zeichnung fand nie Veröffentlichung, da das Buch (mit dem Titel: "Maxed!") für das sie geplant war, nie fertig geschrieben wurde und so unsere Zusammenarbeit mit dem Projekt endete. Schon damals war die Grundform des Buggys sehr ähnlich und auch der Türmechanismus war der gleiche. Schwingtüren geben einfach ein schönes futuristischeres Flair.
Make Reference your Preference
Ich begann mit mehreren kleineren Scribbles, die aber später dem Mülleimer überantwortet wurden und so hier nicht gezeigt werden können. Als ich die Grundform und Ansichtsperspektive definiert hatte (Risszeichnungen genau von der Seite werden irgendwann langweilig für den Betrachter) suchte ich mir zur Inspiration des Konzeptes noch einige Bilder aus dem Internet, der wohl größten Referenzfotosammlung der Welt. Zwei, drei davon empfand ich als speichernswert. Der erste, Buggy 2), ist ein Gefährt direkt aus dem Film Madmax II, der zweite Buggygestell 3) zeigt ganz gut die Basisstruktur eines solchen Gefährts. Weiter unten ist noch ein Close-up 6.1) eines Reifens zu sehen, der auch von einem Madmax-Fahrzeug stammt.
Es wurden jeweils einzelne Details in die finale Version übernommen. Aber dazu später mehr.
Detatails Schmetails
Meine erstes Rough 4) in Din A5 (man sieht oben noch Teile eines anderen Designs) hatte schon alle Ingredienzien die den Geißlerbuggy ausmachen sollten. Die Sirene auf dem Dach, der Käfig auf dem Rücken, Vertikalschwingtür und hervortretender Motorblock. Man erkennt sogar noch Rohre über dem Hinterrad, die ein Überbleibsel aus der Buggybeladeszene sind, später wurde sie aber doch gekürzt. Einiges überlebte noch bis Rough 5), bei dem ich endlich die Bambusstandarte mit dem Geißlerzeichen richtig ausführen konnte; man sieht noch die Netzabschusskanone, welche in einem späteren Degenesis-Band sicher als Ausrüstungsteil auftauchen wird.
Unfinished Business
Auf dem Leuchttisch konnte ich nun die auf Din A4 hochkopierte Version final umsetzen, Halbfertig 6). Das dies nicht immer klappt, bzw. dem Künstler zwischendurch neue Einsichten kommen ist nicht ungewöhnlich. Überdies machte ich den Fehler zuerst Details zu zeichnen bevor ich einen richtigen Überblick gewinnen konnte. Die coolsten Details bringen nicht viel wenn die Gesamtform nicht ganz stimmt. Mir fiel auf, dass der Motorbereich einfach zu eckig für das Design war. Wir wollten ja eine, zwar zerfallene, dennoch futuristische Welt darstellen, d.h. selbst wenn der Motor immer noch vorn einen Kühlergrill hat, musste der anders aussehen. Von der Tür bis zum Überrollbügel, alles war zu steif. Die Fronträder sahen schon ganz gut aus, ich hatte noch Close-up 6.1) als Referenz gefunden, aber so wirkten die Hinterräder zu mager, auch weil sie gleich groß waren. Das ausklappbare Trittbrett erweiterte nur die verwirrende Detailmenge und auch der Stosszahn hatte keine reale Funktion, die nicht das Banner besser erfüllt hatte, wenngleich er gut zu den Neo-lybiern passt. Mal sehen wo er wieder auftaucht. Alles in Allem war der Designprozess doch noch nicht abgeschlossen.
Keep It Simple Stupid
Rough 7) lag einem runden Gesamtdesign zugrunde. Die zylindrische "Flasche", ursprünglich ein Sujet aus Buggy 2), über dem nun gewachsenen Hinterrad, war verdoppelt nach hinten gelagert worden und machte mehr Raum für den Spritzschutz und die Totembemalung. Zwei massive Auspuffrohre kamen dazu und der ganze vordere Bereich war runder geworden. Er sah zwar immer noch wie aus den 50er Jahren des 20 Jahrhunderts entsprungen aus, doch ich war auf dem richtigen Weg. Die Spikes an den Vorderrädern gaben dem ganzen einen Gladiatorentouch. Und kleine Details wie die Leuchte aus Buggygestell 3) und ein futuristisches Blaulicht auf der Rahmenstange gaben Flair, ohne durch Detail die Gesamtkonstruktion zu überwuchern.
Final Touch
In der endgültigen Umsetzung Final 8) konnte ich jetzt alle Ungereimtheiten der Vorversuche ausmerzen; das Motorgestänge in den Schatten ziehen um unnötige Details verschwinden zu lassen damit das Bild schneller erfassbar wird und vieles mehr. Ein Scheinwerfer wurde rechteckig, um einerseits zu zeigen, dass der Wagen keine Serienfertigung ist und andererseits geben runde Scheinwerfer ja wieder den ungewollten 50er Jahre Effekt.
Das Trittbrett im Bauch des Buggys verschwand und wurde im Close-up Step 8.1) durch die auf Flugzeugen oft gesehene Aufschrift "No Step" ersetzt, welche nicht nur "dekorativ" ist sondern hier auch so eine kleine Ironie beinhaltet.
Vom Close-up Blaulicht 8.2) musste ich ein Leuchtelement weiter nach innen setzen, da es sonst überstand und beim Schließen der Tür abgeschlagen worden wäre. Die Sirene daneben wurde vergrößert.
In Sitze 8.3) sehen wir, dass zur Ausrüstung im Wageninneren auch ein großes Messer gehört.
Schließlich zeigt das Close-up Tribal 8.4) wie Stammestotems Einzug in den Alltag der Geißler halten. Der eine Zylinder hat zusätzlich ein Lüftungssystem erhalten. Auch sieht man hier gut, dass überall, wo Teile aufeinander treffen, eine Schraub- oder Gewindestelle für Halt sorgt. Wie bei IKEA...
What you see...
Die eigentliche Zeichnung, die ins Druckprodukt eingeht, dauerte um die fünf Stunden. Die Vorarbeit bis dahin aber mindestens noch mal fünf. Design geht nicht im Handumdrehen und oft ist es schwierig dem Form-follows-function Prinzip treu zu bleiben, wenn man noch nicht klar weiß welche Funktion ein bestimmtes Teil hat. Bis zu einem gewissen Maß lässt man der künstlerischen Freiheit also freien Lauf. Vielleicht können sich Spieler von Degenesis an diesem Konzept orientieren und basierend auf unseren Entwürfen in Kombination mit eigenen Ideen sich selbst mit allem ausstatten was die Endzeit-Welt so braucht. Ich hoffe ich konnte den einen oder anderen mit dem Tech'-Fieber anstecken und das Degenesis so mit Eigenkreationen bereichert wird. Viel Spass und Erfolg!
Klaus Scherwinski
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